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Ein Volk Gottes – und doch getrennt?
Sie sind ein Volk Gottes und dennoch gespalten. Obwohl seit dem zweiten Weltkrieg vielfältige Bemühungen unternommen werden, den christlich-jüdischen Dialog zu fördern, gibt es immer noch Differenzen und Annäherungsschwierigkeiten.
Was trennt die Christen von den Juden? Was hindert sie, sich unter einem Dach zu einem ökumenischen
Gottesdienst zusammenzufinden?
Die Äußerung von Shalom Ben Chorin drückt es in einem Satz aus: „Der Glaube Jesu einigt uns, der Glaube an Jesus trennt uns.“
„Mit dem Tode Jesu fing die evangelische Dichtung an“, sagt Pinchas Lapide zu diesem Thema.
Hiermit ist der historische Jesus gemeint, wie er als Jude gelebt und gelehrt hat und nicht das, was die Christen später, Jahrzehnte nach seinem Tod, aus ihm gemacht haben (der Apostel Paulus spielte dabei eine gravierende Rolle).
Christen glauben an den dreieinigen Gott: Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, insbesondere dabei an Jesus Christus als Heiland und Erlöser für alle Menschen. Letzteres verdeutlichen die Anfangsworte des zweiten Artikels im apostolischen Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Jesus Christus …“
Genau mit diesen Worten beginnen die Glaubensaussagen, die für Juden nicht akzeptabel sind und sie vom Christentum trennt.
Für Juden ist nicht erkennbar, dass Jesus von Nazareth der verheißene Messias sei. Nach jüdischer Auffassung ist die Ankunft des Messias verbunden mit dem Beginn eines Friedensreiches, gemeinsam mit allen Völkern und Nationen sowie die Erlösung von allem Bösen in dieser Welt und dem Bau des dritten Tempels in Jerusalem. Dies bedeutet Erneuerung, Friede, Gerechtigkeit und Liebe auf der Welt. Ist dies seit der Ankunft des christlichen Messias verwirklicht worden? Wer bei dieser Frage auf die Apokalypse hinweist, sollte bedenken, dass die Verfolgungen und Kriege in den Zeiten der damaligen Judenchristen schon als Endzeit gedeutet wurde und diese zur Bestätigung der Ankunft des Messias diente.
Das Bekenntnis zu Jesus als den eingeborenen Sohn Gottes gilt im Judentum als Lästerung. Im Gebot wird ausdrücklich erklärt, dass
Gott einzig und allein und nur er anzubeten ist (Monotheismus). Eine christliche Trinitätslehre (
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist) widerspricht dieser Forderung.
Die Kreuzigung Jesu als Erfüllung von Prophezeiungen aus der Thora ist für Juden nicht akzeptabel. Der Tod eines Menschen kann nicht als Sühnezeichen gelten, an diese Stelle treten die drei Gebetszeiten und die Bußtage, die zum Jom Kippur hinführen, dem höchsten Feiertag im jüdischen Jahr. Die christliche Aussage:
„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2 Kor. 5,19), verbunden mit der Darstellung des Gekreuzigten (Kruzifix), ist für Juden lästerlich. Durch die vielen Verfolgungen im Namen des Gekreuzigten wurde dieses Symbol für sie sogar zum Zeichen des Unheils.
Ein Werben für den eigenen Glauben, die so genannte Missionierung, ist Juden unbekannt. Im Gegenteil, wer zum Judentum übertreten will, muss mit eigenen überzeugenden Gründen darlegen, warum er dem Volk Israel angehören möchte.
Und trotzdem – es gibt auch vieles, was Juden und Christen verbindet. Tatsache ist nun mal, dass Jesus Jude war, als Beschnittener zum Volk Israel gehörte und aus der Thora zitierte und lehrte. Dies traf auch auf die frühen Christen, die so genannten Judenchristen, zu.
Die Thora ist beider Fundament, sie wurde als „altes Testament“ in die christliche Bibel mit aufgenommen.
Die Bündnisse Gottes (mit Abraham und Moses) haben nie aufgehört zu bestehen. Der
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch der Gott der Christen. Dieses Fundament sollte Grund genug sein, den anderen zu achten und zu respektieren.
Wie hat es Jesus ausgedrückt: In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Genau dieser eine Satz spricht für sich und sollte folgendermaßen ausgelegt werden: Jede Glaubensgemeinschaft, jede Religion hat ihre Berechtigung, Wohnungen in
Gottes Haus zu beziehen, ohne dabei sein eigenes Ziel aus den Augen zu verlieren. Wer dann auch noch vor seine Haustür tritt, seinem andersgläubigen Nachbarn freundlich zuwinkt und auch von diesem einen achtenden Gruß erhält, begibt sich auf den Weg des wahren Friedens.
Irgendwann werden wir erkennen, dass wir Brüder und Schwestern sind, die zwar verschiedene Wege beschreiten, aber zum gleichen Ziel wollen: Zu dem Einen, den wir
Gott nennen.
Copyright 2003 Leah Sch.
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